Hans-Jürg Fehr, Nationalrat SH
Hans-Rudolf Merz, Bundespräsident, ist überzeugt, stark
gehandelt zu haben; dabei ist er bloss schwach geworden. Er hat auf eine bisher
nicht für möglich gehaltene Art und Weise Regeln von grösster Wichtigkeit
verletzt.
1. Er hat den
Bundesrat als Gesamtregierung übergangen, indem er ohne Absprache und
Verhandlungsmandat nach Libyen geflogen ist und dort eigenmächtig einen
Staatsvertrag unterschrieb, den seine sechs Kolleginnen und Kollegen gar nie
gesehen hatten. Das ist der totale Bruch mit dem Kollegialsystem, das solche
Alleingänge ausdrücklich verbietet.
2. Er hat den
Föderalismus ausgehebelt, indem er sich anmasste, das Vorgehen der Genfer
Kantonspolizei gegen den gewalttätigen Diktatorensohn Hannibal Ghaddafi in
einem Staatsvertrag als ,,ungerechtfertigt und unnötig" abzuqualifizieren. Eine
unglaubliche Vorverurteilung einer kantonalen Behörde, wird doch im gleichen
Abkommen mit Libyen die Einsetzung eines Schiedsgerichts vereinbart, welches
die Genfer Vorkommnisse erst untersuchen und beurteilen müsste. Überdies hat
der Bundespräsident ein Abkommen unterschrieben, in dem der Ghaddafi-Sohn als
Diplomat bezeichnet wird, was er nie war und nicht ist. Er geniesst daher auch
keinerlei diplomatischen Vorteile, die eine Sonderbehandlung durch Polizei und
Justiz rechtfertigen könnten.
3. Entgegen
allen protokollarischen Regeln im Verkehr zwischen Staaten, liess es sich unser
Bundespräsident gefallen, nicht mit dem Staatspräsidenten Ghaddafi zu
verhandeln, sondern mit dessen Regierungschef - ein diplomatischer Affront
sondergleichen.
4. Merz hat das
gemacht, was sich die federführende Aussenministerin in Absprache mit dem
Bundesrat vorher weigerte zu tun - er hat sich entschuldigt für das Verhalten
der Genfer Polizei, das möglicherweise völlig korrekt war. Dem Aussenministerium
(EDA) vorzuwerfen, es habe die Geiseln ja nicht zu befreien vermocht, greift zu
kurz: Wie Geiselbefreiung ohne Kniefall funktioniert, hat das EDA dieses Jahr
mit der Befreiung des Schweizer Ehepaars aus den Fängen der Al-Kaida in Mali gezeigt.
Was dem Fass aber den Boden rausschlägt, ist die Aussage
des Bundespräsidenten, er würde alles noch einmal so machen, wenn er müsste.
Das bedeutet nichts anderes als dass wir einen Bundespräsidenten haben, von dem
jederzeit erwartet werden muss, dass er Gesetze und Regeln bricht, wenn er
meint es tun zu müssen, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Das aber ist
definitiv nicht mehr demokratisch und rechtsstaatlich gehandelt, sondern
monarchistisch und willkürlich. So funktioniert Ghaddafi in Libyen.
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